In den Fängen der Waldorfsekte

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Waldorfschule Ottersberg

Klasse 8b Waldorfschule Ottersberg 1986

Mit elf Jahren macht sich kaum ein Kind Gedanken über die berufliche Zukunft oder die Qualität seiner Ausbildung. Die Schulpflicht nervt, und die Eltern bestimmen, wo die Reise hingeht. Widerspruch zwecklos. 1981 kam meine Mutter (eine begeisterte Gutmenschen-Öko-Grüne der ersten Stunde) auf die grandiose Idee, mich nach vier Jahren staatlicher Beschulung von der bösen Regelschule zu nehmen und mich in die damals noch „Freie Rudolf Steiner Schule“ genannte Einrichtung in Ottersberg zu stecken. Heute ist sie als Freie Waldorfschule oder schlicht Waldorfschule bekannt. Dank einkommensabhängigen Schulgeldes konnten sich seinerzeit auch Alleinerziehende und Familien mit geringem Einkommen den Besuch einer Privatschule leisten. Warum meine Mutter ausgerechnet diesen Bildungsweg für sinnvoll hielt, weiß ich bis heute nicht. Die Konsequenzen durfte zunächst ich tragen. Fortan musste ich täglich rund 50 Kilometer zurücklegen, um mir meine neue Bildung abzuholen.

1981 landete ich in der Klasse 5b der Waldorfschule Ottersberg. Erst später erfuhr ich, dass diese Klasse als Waldorfexperiment galt. Hier wurden vorwiegend Schüler aufgenommen, die zuvor eine Staatsschule besucht hatten. Eine klassische „Balkonklasse“, denn in den übrigen Jahrgangsstufen gab es keine weitere B-Klasse. Wir waren die Versuchskaninchen eines Bildungsexperiments, für das niemand unsere Zustimmung eingeholt hatte.

Unser Klassenlehrer Reinhold Weiß hatte mit dieser zusammengewürfelten Truppe aus ehemaligen Staatsschülern offensichtlich erhebliche Probleme. Die unterschiedlichen Voraussetzungen und Persönlichkeiten der Klasse schienen ihn regelmäßig an seine pädagogischen Grenzen zu bringen. Statt mit souveräner Führung zu überzeugen, reagierte er immer wieder mit cholerischen Anfällen. Seine Wutausbrüche waren legendär, stärkten seine Autorität allerdings nicht, sondern untergruben sie zunehmend. Mit der Zeit nahm ihn kaum noch jemand ernst oder brachte ihm echten Respekt entgegen. Was vermutlich als pädagogische Autorität gedacht war, verkam zur unfreiwilligen Lachnummer. Die ohnehin schwierige Konstellation der experimentellen B-Klasse wurde dadurch nicht gerade einfacher.

Der Einstieg in die Waldorfwelt fiel mir sehr schwer. Unterrichtsinhalte, Strukturen und Methoden unterschieden sich erheblich von meinen bisherigen Erfahrungen. Schon das Schulgebäude wirkte wenig einladend. Ein altes Wasserschloss mit angeschlossenen Neubauten in typischer Waldorfarchitektur. Romantisch für die einen, Kulisse eines Horrorfilms für mich.

In jedem Klassenzimmer hing ein Porträt Rudolf Steiners. Durch die gewählte Perspektive entstand der Eindruck, sein Gesicht verfolge jeden Schüler unabhängig von dessen Sitzposition. Während andernorts Landkarten oder historische Persönlichkeiten die Wände schmückten, überwachte hier der geistige Übervater höchstpersönlich den Unterricht. Das hatte einen gewissen Gruselfaktor und erinnerte mich eher an eine Sekte als an eine gewöhnliche Schule.

Das erste Jahr verlief katastrophal. Besonders die Eurythmie (eine anthroposophische Bewegungskunst, bei der Sprache und Musik durch festgelegte Gesten dargestellt werden) war mir ein Dorn im Auge. Während andere Schüler Vokabeln paukten, durfte ich die spirituelle Dimension des herum Fuchtelns kennenlernen. Und nein, ich musste meinen Namen nicht tanzen. Dieser Kalauer ist wirklich so abgenutzt wie die Nazikeule auf alle, die heute nicht stramm links sind.

Nach ungefähr einem Jahr gewöhnte ich mich an das Schulsystem. Werkunterricht, Gartenbau und der in Epochen organisierte Unterricht in Geschichte oder Naturkunde kamen mir sehr entgegen. Die Waldorfschule bot durchaus sinnvolle Ansätze. Leider eingebettet in reichlich weltanschaulichen recht fragwürdigen (teils unrealistischen) Ansichten.

Mit Fremdsprachen tat ich mich schwer. Besonders mit Französisch. Der obligatorische Musikunterricht war ebenfalls eine reine Zumutung. Das verpflichtende Geigenspiel hasste ich und brachte es mangels Talent und Disziplin nie zu nennenswerten Ergebnissen. Was für eine Verschwendung von Lebenszeit und pädagogischen Mühe.

Auch die Schulkantine im Amtshof blieb mir in zweifelhafter Erinnerung. Die Speisenauswahl war derart alternativ, dass selbst der Hunger gelegentlich kapitulierte. Was ökologisch wertvoll und weltanschaulich korrekt sein mochte, überzeugte meinen Magen nur selten oder brachte diesen zur unfreiwilligen Entleerung. Nach Unterrichtsschluss trat ich deshalb häufig hungrig die Heimreise an. Mit etwas Glück nahm mich ein anderer Elternteil nach Verden mit. Andernfalls folgte eine einstündige Busfahrt durch sämtliche Provinzdörfer der Umgebung. Wenn sich keine Mitfahrgelegenheit ergab oder der Bus zu spät fuhr, trampte ich aus Zeitgründen häufig. Dies war zur damaligen Zeit noch problemlos möglich.

Erst in der siebten Klasse begann mir der Unterricht in Ottersberg Spaß zu machen. Meine Leistungen verbesserten sich, und ich fand allmählich meinen Platz in einem für mich weiterhin komischen System. Die Klasse schrumpfte allerdings zusehends. Zahlreiche Eltern ließen ihre Kinder in die A-Klasse versetzen, weil sie deren schulische Entwicklung in der B-Klasse gefährdet sahen. Unter manchen Waldorfanhängern kursierten erhebliche Vorurteile gegenüber den Schülern aus Staatsschulen. Sie galten als ungebildet, dumm, proletarisch und konsumorientiert. Das volle Klischeeprogramm.

Besonders suspekt waren für die Waldorfjünger gewöhnliche Gebrauchsgegenstände wie Fernseher und die Mitte der 1980er-Jahre aufkommenden Heimcomputer. Während die technische Entwicklung Fahrt aufnahm, betrachteten Teile des anthroposophischen Milieus moderne Medien offenbar als Gefahr für die geistige Reinheit des Nachwuchses. Die Welt wurde digitaler, während Steiner gedanklich weiterhin auf der Schule den Ton angab. Auch auf mich wurde Druck ausgeübt, bestimmte Medien und technische Errungenschaften zu meiden. Die entsprechenden anthroposophischen Appelle waren mir allerdings ziemlich Latte. Zwischen den Vorstellungen meiner Mutter, den Ansprüchen der Schule und meinen eigenen Interessen entwickelte sich ein dauerhafter Konflikt. Ich hatte wenig Lust, mir vorschreiben zu lassen, welche Technik meiner geistigen Entwicklung angeblich schadete.

In der achten Klasse freundete ich mich zunehmend mehr mit dem Schulsystem an. Meine Leistungen verbesserten sich erneut. Besonders das Klassenspiel "Weh dem, der lügt!" von Franz Grillparzer blieb mir in Erinnerung. Mit dem Stück tourten wir mit der B-Klasse durch Deutschland, Österreich und die Schweiz und traten an anderen Waldorfschulen auf. Theater, gemeinsame Arbeit und Reisen waren bereichernde Erfahrungen. Doch gerade als es in Ottersberg allmählich lief, stand der nächste Umzug an. Diesmal ging es nach Braunschweig.

Nach einer sogenannten „Aufnahmeprüfung“ wurde ich in die neunte Klasse der Waldorfschule Braunschweig aufgenommen. Die neue Schule entpuppte sich als das genaue Gegenteil meiner bisherigen Erfahrungen. Volle Klassen, erheblicher Leistungsdruck und damit verbunden deutlich höhere Anforderungen. Erst später erfuhr ich, dass sich die Schule in Konkurrenz zu anderen Privatschulen der Stadt befand. Darunter auch der CJD Christophorusschule. Offenbar ging es auch im anthroposophischen Bildungswesen um zahlungskräftige Eltern und leistungsfähige Schüler. Wer hohe Schulgelder zahlt, erwartet Ergebnisse. Leistungsstarke und hochbegabte Schüler sind dabei nicht nur pädagogische Erfolgsgeschichten, sondern auch ein attraktives Aushängeschild.

1986 flog ich von der Waldorfschule Braunschweig. Damals empfand ich den Schulverweis als Beleg für mangelnde Intelligenz und Begabung. Rückblickend ist diese Schlussfolgerung fragwürdig. Schulischer Misserfolg misst weder das gesamte menschliche Potenzial noch erklärt er automatisch, weshalb eine Schullaufbahn scheitert. Später stellte sich heraus, dass mir noch etliche Klassenkameraden folgten. Ich war also keineswegs der einzige Schüler, bei dem die schulische Laufbahn vorzeitig endete.

Fünf Jahre Ottersberg und das unrühmliche Finale in Braunschweig hinterließen gemischte Erinnerungen an die Waldorfschule. Ich profitierte in Ottersberg von Werkunterricht, Gartenbau, Epochenunterricht und Theater. Gleichzeitig ertrug ich Eurythmie nur schwer, verabscheute das Geigenspiel. Ich kämpfte mit endlosen An- und Abreisen und erlebte die Grenzen eines Schulsystems, dessen pädagogische Ideale nicht immer mit der Wirklichkeit Schritt hielten.

Der Rauswurf aus der Waldorfschule bedeutete allerdings nicht, dass mir der Wechsel zurück an eine Staatsschule leichtfiel. Ganz im Gegenteil. Nach Jahren in einer völlig anderen Lernwelt musste ich mich erneut an fremde Strukturen, andere Erwartungen und eine ungewohnte Art des Unterrichts anpassen. Was von außen wie eine Rückkehr zur Normalität aussehen mochte, war für mich alles andere als einfach. Ich hatte zwischen zwei Schulsystemen gestanden und fühlte mich zunächst in keinem davon wirklich zu Hause.

Mit der Zeit fand ich dennoch meinen eigenen Weg. Mein schulischer Werdegang war alles andere als geradlinig, aber das Leben hält sich bekanntlich selten an Lehrpläne. Der Schulverweis war nicht das Ende meiner Möglichkeiten, und meine damaligen Schwierigkeiten waren kein endgültiges Urteil über meine Fähigkeiten. Ich musste erst lernen, meinen eigenen Maßstab anzulegen, statt mich ausschließlich daran zu messen, ob ich in das jeweilige System passte.

Inzwischen habe ich meinen Frieden mit der Waldorfschule gemacht. Das bedeutet weder, dass ich die anthroposophische Weltanschauung nachträglich übernommen habe, noch dass ich alle damaligen Erfahrungen plötzlich großartig finde. Eurythmie wird wohl nie zu meinen Lieblingsbeschäftigungen zählen, und über manche pädagogischen Methoden kann ich noch heute nur den Kopf schütteln. Rückblickend war die Waldorfschule weder das reine Verderben noch die versprochene pädagogische Erleuchtung. Sie war ein Teil meines Lebens. Mit Licht, Schatten und einer ordentlichen Portion weltanschaulichem Unsinn. Ich habe dort Dinge gelernt, die mir später genutzt haben. Das Wort „frei“ auf dem Schulschild hat mir damals jedenfalls nicht die Freiheit verschafft, die ich gebraucht hätte. Die musste ich mir später selbst erarbeiten. Inzwischen kann ich auf diese Zeit mit einer guten Portion Ironie, ohne Groll und mit vielen guten Erinnerungen zurückblicken. Die Waldorfschule gehört zu meiner Geschichte. Und das ist wahrscheinlich auch gut so.

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