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- Hendrik Lorenz
- Kategorie: Blog
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Meine Studienzeit in Hannover war im Rückblick eine erstaunlich gut funktionierende Mischung aus Orientierungslosigkeit, unterschätzter Lebenskunst und dem stetigen Versuch so zu tun als gäbe es einen Plan im Leben. Vielleicht war die ganze Aktion auch ein Fehler. Wer weiß. Alles begann am Schwarzen Bär in Hannover in einer WG. Mitten in Hannover-Linden, gegenüber vom Capitol Hannover gelegen. Diese Wohngemeinschaft war im Nachhinein eher als ein sozialwissenschaftliches Langzeitexperiment zu betrachten. Ich hatte ein Zimmer in einer schönen Altbauwohnung aus der Gründerzeit. Hohe Decken und Stuck. Die Lage war optimal. Zentral, lebendig und alles Fußläufig erreichbar. Perfekt für ein Studentenleben. So dachte ich zumindest damals. Allerdings hatte diese Lage auch eine ganz eigene akustische Qualität. Das Quietschen der Straßenbahn in der Kurve direkt vor der Haustür entwickelte sich schnell zu einer Art inoffiziellem Wecksystem, das sich zuverlässig ins Nervensystem einbrannte. Romantischer Altbaucharme hin oder her irgendwann klang jede Kurvenfahrt wie ein Stich ins Gehirn. Die Mitbewohner wirkten wie sorgfältig ausgewählte Studienobjekte. Ein Punker, der permanent kiffte und sein Zimmer stets mit gefühlt 20 "Freunden" teilte. Ein Drogendealer mit funktionierendem Geschäftsmodell. Der Rest der Truppe bestand aus einer bemerkenswerten Ansammlung von Taugenichtsen. Ich bewegte mich irgendwo dazwischen. Nicht ganz Teil des Chaos, aber auch weit entfernt von jeder Form bürgerlicher Stabilität. Der Dreck, die permanente Verwahrlosung und vor allem der allgegenwärtige Umgang mit Drogen überschritten irgendwann meine persönliche Toleranzgrenze. Was anfangs noch wie eine schräge, fast schon authentische Studentenrealität wirkte, entwickelte sich zunehmend zu einem Alptraum, aus dem es kein Entkommen gab. Irgendwann setzte dann doch ein Anflug von Selbsterhaltungstrieb ein, und ich zog nach Hannover-List, in die Nähe von Spannhagengarten und der Eilenriede. Eine Wohnung von der Baugenossenschaft Gartenheim. Plötzlich war alles geregelt, ordentlich und funktional. Keine dubiosen Mitbewohner mehr und keine nächtlichen Eskalationen und Drogen Exzesse. Nachbarn, die vermutlich sehr genau wussten, wann Ruhezeiten beginnen. Schon fast eine spießige neue Welt. In den Jahren von 1997 bis 2002 hatte Hannover eine hohe Lebensqualität und war für eine Großstadt gleichzeitig erstaunlich gut finanzierbar. Mit BAföG und Nebenjobs ließ sich nicht nur das Leben bestreiten, es reichte für eine eigene Wohnung und sogar für ein altes Auto. Und das, ohne jemals ernsthaft ins Minus zu rutschen. Ein Zustand, der heute fast wie ein Märchen klingt. Es sei denn, ein entsprechend wohlhabendes Elternhaus steht im Hintergrund bereit.
Offiziell war ich Student an der damaligen Fachhochschule Hannover in Ricklingen am Fischerhof (heute Hochschule Hannover). Die Rahmenbedingungen waren eigentlich ideal. Eine gute Mensa, angenehme Kommilitonen und keine übertriebene akademische Arroganz. Das einzige Problem war ich selbst. Meine Anwesenheit in Vorlesungen blieb eher sporadisch. Eigentlich war ich fast nie da. Bei warmem Wetter war eine physische Präsenz praktisch ausgeschlossen. Während andere pflichtbewusst im Hörsaal kochten, fiel meine Entscheidung konsequent zugunsten des Laher Sees (auch Zombie-See genannt) aus. Dieser See, gelegen im Stadtteil Lahe von Hannover, war dabei mein eigentlicher Sehnsuchtsort. Eher unbekannt und nur mit dem Auto zu erreichen hatte ich an diesem Gewässer immer meine Ruhe. Eingebettet in viel Grün, wirkte dieser Ort wie eine kleine Parallelwelt. Genau diese Mischung aus Abgeschiedenheit und Gelassenheit machte ihn zur perfekten Alternative zum Hörsaal. Hin und wieder auch mit Büchern aber immer mit Bier. Disziplin gehörte insgesamt nicht zu meinen Kernkompetenzen in dieser Zeit. Ich war effizient darin, Anstrengung zu vermeiden und gleichzeitig das studentische Leben intensiv auszukosten. Dazu gehörte auch ein ausgeprägtes Interesse an zwischenmenschlichen Begegnungen. Die eigentlichen Höhepunkte des studentischen Soziallebens fanden nicht auf meinem eigenen Campus statt. Die Partys an der tierärztlichen Hochschule oder der medizinischen Hochschule Hannover boten ein deutlich ausgewogeneres Geschlechterverhältnis. Das sonstige Nachtleben spielte sich bei mir allerdings weniger in Clubs als in einem deutlich ruhigeren, fast schon spießig anmutenden Rahmen ab. Viele Abende bestanden aus Kinobesuchen mit wechselnder weiblicher Begleitung, gefolgt von Bar-Einkehrungen. Bevorzugt im Roadhouse an der Nikolaistraße (gibt es heute noch). Natürlich gab es auch gelegentlich Ausflüge in das klassische Nachtleben, etwa ins Café Glocksee, ins Kulturzentrum Faust oder ins Mephisto Hannover. Ein fester Bestandteil des studentischen Jahresablaufs war übrigens eine Tradition, die in keinem offiziellen Modulhandbuch der Hochschule auftauchte: Jedes Weihnachten zog ich mit meinen Kommilitonen los, um uns auf höchst inoffiziellem Wege einen Weihnachtsbaum zu organisieren. Die Aktion hatte immer einen hohen Unterhaltungswert, auch wenn sie nicht ganz legal war.
Und dann kam fast schon überraschend, das Ende der Hochschulausbildung. Ein Moment in dem sich herausstellte, dass all die Jahre zwischen WG-Chaos, Selbstfindung und gepflegter Prokrastination tatsächlich zu einem Abschluss geführt hatten. Was allerdings folgte, war die ernüchternde Realität. Am Ende stand ich ziemlich pleite da, ohne echte Aussicht auf einen Arbeitsplatz. Und das in einer Zeit wo der Arbeitsmarkt trotz angeblichem Fachkräftemangels komplett zusammengebrochen war. An diesem Punkt wurde eine weitere, eher bittere Erkenntnis offensichtlich. Eine abgeschlossene Berufsausbildung, Berufserfahrung und zusätåzlich ein abgeschlossenes Hochschulstudium bringt dich in Deutschland nicht zwangsläufig weiter. Auch wenn gleichzeitig überall lautstark über Fachkräftemangel geklagt wird. Theorie und Realität entwickeln sich offenbar gerne unabhängig voneinander. Hier wurde mir zum ersten Mal klar, das sich Leistung in diesem Land nicht mehr lohnt. Der Blick ging deshalb Richtung Berlin. Nicht aus romantischen oder familiären Gründen, sondern aus pragmatischer Notwendigkeit. Ironischerweise war Berlin genau in dieser Zeit eine der wenigen Großstädte mit extrem niedrigen Mieten. Schlicht aus dem Grund, weil mehr Menschen wegzogen als neu hinzukamen. Während andere Städte teurer wurden, war Berlin noch ein Ort, an dem sich ein Neuanfang zumindest finanziell realistisch anfühlte. Ich wäre gerne in Hannover geblieben. Die Stadt hatte diese unaufdringliche Qualität, die sich oft erst im Rückblick vollständig erschließt. Hannover ist keine Stadt, die sich in den Vordergrund drängt, sondern eine, die still und zuverlässig ein gutes Leben ermöglicht (solange die Erwartungen überschaubar bleiben). Am Ende erfolgte der Abschied nicht aus rationaler Überzeugung, sondern aus Mangel an Alternativen. Ohne wirtschaftliche Perspektive blieb keine echte Wahl. Sympathie zahlt keine Miete, Lebensqualität ersetzt kein Einkommen. Hannover blieb zurück als eine leicht ironisierte Erinnerung. Hannover ist eine Stadt, die gezeigt hat wie wenig eigentlich nötig ist, um sich wohlzufühlen. Allerdings auch wie schwierig es sein kann, genau daraus eine Zukunft zu machen.
Fazit
Hannover war perfekt zum Leben. Aber nicht perfekt genug um dauerhaft zu bleiben.