Russland in den Jahren des Umbruchs – warum eigentlich nicht? Schon die Reisevorbereitungen unterschieden sich deutlich von allem, was bis dahin bekannt war. Zum ersten Mal musste mit einem deutschen Reisepass ein Visum beantragt werden – ein ungewohntes Gefühl, wenn in der Zeit ansonsten nahezu uneingeschränkte Reisefreiheit selbstverständlich war.
Der Reisepass wurde bei einem russischen Reisebüro in Berlin abgegeben, wo gleichzeitig auch der Flug nach St. Petersburg gebucht wurde. Gegen ein nicht unerhebliches Entgelt übernahm das Reisebüro zudem die komplette Visabeschaffung. Schließlich führte der Flug mit Pulkovo Airlines vom damaligen Flughafen Berlin-Schönefeld direkt nach St. Petersburg, der nördlichsten Millionenstadt der Welt. Die betagte Tupolew war laut, vibrierte kräftig und schaukelte ordentlich. Nach zweieinhalb Stunden begann der wohl spannendste Teil der Reise: die Einreise nach Russland.
Ganz wie aus alten Filmen saß hinter dem Schalter ein Zollbeamter mit regungsloser Miene. Wortlos wanderte der Blick vom Pass zum Gesicht und wieder zurück. Dann knallte der Einreisestempel auf die Seite. Kein Lächeln, kein Wort. Das Abenteuer Russland konnte beginnen. Der Papierkram war allerdings noch nicht erledigt. Nach der Einreise war eine Registrierung vorgeschrieben. Ohne Hotelübernachtung ließ sich diese über eine Agentur erledigen. Gegen rund 30 Euro gab es das erforderliche Formular. Mit dem russischen Visumssystem und seinem schwer durchschaubaren Papierkrieg verdienten damals zahlreiche Menschen ihren Lebensunterhalt.
Vor dem Flughafen wartete bereits die Gastfamilie. Mit einem alten Fahrzeug unbekannten Herstellers führte die Fahrt in Richtung Prospekt Veteranov, ganz im Westen von St. Petersburg. Die Unterkunft befand sich in einem der typischen Wohnblocks, die sich kilometerweit entlang der Straßen aneinanderreihten – eine Mischung aus DDR-Plattenbau und sowjetischem Wohnungsbau, der architektonisch irgendwo Anfang der 1970er-Jahre stehen geblieben zu sein schien. Direkt gegenüber lag der Pine Glade Park. Die nächste Metrostation war rund acht Kilometer entfernt. Besonders nachts wurde das schnell zum Problem, wenn von der Endstation Prospekt Veteranov kaum noch öffentliche Verkehrsmittel verkehrten. Zum Glück gab es zahlreiche „inoffizielle“ Taxis, die gegen ein paar Rubel nahezu jedes Ziel anfuhren.
Die erste Fahrt mit der Metro entwickelte sich zu einem kleinen Abenteuer. Kaum zu glauben, wie tief die Stationen unter der Erde lagen. Bis heute ist nicht ganz klar, weshalb die Metro von St. Petersburg so außergewöhnlich tief gebaut wurde. Vermutlich spielten die geologischen Gegebenheiten des sumpfigen Untergrunds eine entscheidende Rolle. Die Rolltreppen schienen jedenfalls kein Ende zu nehmen. In regelmäßigen Abständen saßen ältere Aufsichtsdamen an kleinen Kontrollpunkten und achteten darauf, dass sich alle Fahrgäste ordnungsgemäß auf den Rolltreppen verhielten. Unten auf dem Bahnsteig herrschte dichtes Gedränge. Wer beim Einfahren eines Zuges ungünstig stand, wurde von der Menschenmenge regelrecht in den Waggon geschoben, ganz gleich, ob das beabsichtigt war oder nicht. Die Fahrt war laut, schnell und lang. Jede Weiche, jede Schiene und jede Beschleunigung waren deutlich zu spüren. Die Stationen selbst gehörten zu den schönsten, die bis dahin zu sehen waren. Sie waren aufwendig gestaltet, mit viel Liebe zum Detail und kaum vergleichbar mit den eher funktionalen U-Bahn-Stationen in Berlin oder New York City.
Die Stadt präsentierte sich fast überall in einem gepflegten Zustand. Selbst innerhalb der touristischen Bereiche waren Verfall oder Verwahrlosung nur selten zu erkennen. Zunächst drängte sich der Gedanke auf, ob hier lediglich eine schöne Fassade geschaffen worden war. Dieser Eindruck verflüchtigte sich jedoch schnell. Auch abseits der Sehenswürdigkeiten machten Restaurants und Kneipen einen gepflegten Eindruck und boten ein überraschend hohes Niveau. Erstaunlich präsentierte sich auch das Preisgefüge. Obwohl der Rubel die Landeswährung war, wurden vielerorts zusätzlich Preise in US-Dollar ausgewiesen. Gerade im touristischen Bereich schien der Dollar häufig die eigentliche Referenzwährung zu sein. Weniger erfreulich war die Sprachbarriere. Speisekarten und öffentliche Beschilderungen waren fast ausschließlich in kyrillischer Schrift gehalten. Im Jahr 2004 spielte der internationale Tourismus in Russland noch keine allzu große Rolle. Speisekarten und öffentliche Beschilderungen waren deshalb fast ausschließlich in kyrillischer Schrift gehalten.
Wie fast überall auf der Welt sanken auch in St. Petersburg die Preise mit zunehmender Entfernung vom historischen Zentrum. Restaurants und Bars außerhalb der touristischen Viertel waren deutlich günstiger und wirkten oft authentischer. Nach einer Woche entstand das Gefühl, einen großen Teil des interessanten Nachtlebens bereits kennengelernt zu haben. Klassische Sehenswürdigkeiten standen ohnehin nicht im Mittelpunkt der Reise. Neben der prachtvoll restaurierten Innenstadt wurden lediglich die Auferstehungskirche mit dem Michailowski-Garten sowie die Peter-und-Paul-Festung besucht. Weitaus spannender waren die Begegnungen mit Einheimischen und das Eintauchen in das russische Nachtleben. Doch selbst die längste Partynacht verliert irgendwann ihren Reiz. Es war Zeit für einen Tapetenwechsel. Also auf nach Moskau.
Am Bahnhof mussten zunächst Fahrkarten organisiert werden. Etliche Schalter waren vorhanden. Ganz wie in Deutschland hatte jedoch nur einer geöffnet. Eine riesige Schlange hatte sich bereits gebildet. Nach etwa einer Stunde Wartezeit war der Schalter endlich erreicht. Ausgerechnet in diesem Moment fiel die Klappe. „Technische Pause“, hieß es. Also noch einmal eine halbe Stunde warten. Danach wechselten die Tickets für wenige Euro den Besitzer. Der Nachtzug war groß, alt und laut. Es gab eine Viererkabine, die mit einem älteren Paar geteilt wurde. Für die Abendtoilette standen nur wenige WCs zur Verfügung. Bei der großen Zahl an Reisenden waren sie schon nach kurzer Zeit kaum noch benutzbar. Hygienisch herrschten katastrophale Zustände. Der Speisewagen hingegen war ein roter Salon. Das imposante Old-School-Ambiente vermittelte das Gefühl, als könnte jeden Moment Leonid Iljitsch Breschnew um die Ecke kommen. Nach einer unruhigen und fast schlaflosen Nacht war das Ziel erreicht.
Der Boden der russischen Hauptstadt knirschte unter den Dr. Martens. Ein sonniger Septembertag führte hinein in das geschäftige Treiben einer Metropole mit rund zwölf Millionen Einwohnern. Für diese riesige Stadt waren leider viel zu wenige Tage eingeplant. Rückblickend erwies sich das als Fehler. So blieb nur Zeit für einige der bekanntesten Orte: das Weiße Haus, das Anfang der 1990er-Jahre weltweit in den Schlagzeilen stand, den Roten Platz sowie den weitläufigen Siegespark mit seinen blutroten Fontänen. Am Roten Platz bot sich ein skurriles Schauspiel. Vor der Duma warf ein russischer Politiker demonstrativ mit Dollarscheinen um sich. Viele Sehenswürdigkeiten, darunter auch Teile des Roten Platzes, waren damals aufgrund der zahlreichen Terroranschläge teilweise oder vollständig gesperrt. Dadurch blieb manches unzugänglich.
Die Abende verliefen dagegen ganz anders. Gefeiert wurde ausgiebig, wenn auch deutlich teurer als in St. Petersburg. Unvergessen blieb ein kleiner Tabakladen in der Innenstadt. Vor dem Schaufenster zog die große Auswahl an Tabakwaren sofort die Aufmerksamkeit auf sich. Viele Schachteln wirkten, als stammten sie noch aus den Zeiten der Sowjetunion. Der Schwager meiner Begleitung bemerkte die Begeisterung, verschwand kurzerhand im Laden und kehrte wenig später mit einem ganzen Arm voller Schachteln zurück, die er kommentarlos überreichte. Verrückt. Aber auf eine ausgesprochen sympathische Art.
Eine weitere Nacht wurde damit verbracht, einfach die drei Autobahnringe Moskaus vollständig abzufahren. Erst dabei wurden die gewaltigen Ausmaße dieser Stadt wirklich begreifbar. Nach nur drei Tagen führte der Weg zurück nach St. Petersburg. Bereits am folgenden Tag hob die Maschine von Pulkovo Airlines wieder in Richtung Berlin ab. Eine Reise, die wohl nie in Vergessenheit geraten wird. Zu viele neue Eindrücke prasselten innerhalb dieser vierzehn Tage aufeinander, um sie sofort vollständig verarbeiten zu können. Obwohl es sich „nur“ um eine Städtereise handelte, fühlte sich dieses Abenteuer deutlich größer an. Der besondere Reiz lag darin, Russland nicht aus der Perspektive einer abgeschirmten Touristengruppe kennenzulernen, sondern durch die Augen von Menschen, die dort lebten. Dadurch entstanden Einblicke, die einem klassischen Urlaub verborgen geblieben wären. Die Begegnungen mit Einheimischen waren geprägt von Offenheit, Gastfreundschaft und einer angenehmen Portion Verrücktheit. Die Erwartungen an dieses Land wurden in jeder Hinsicht übertroffen: beeindruckende Architektur, außergewöhnliche kulinarische Erlebnisse und ein Lebensgefühl, das sich deutlich von den bisherigen Reiseerfahrungen unterschied. Lediglich die aufwendigen Visaformalitäten, die Registrierung vor Ort und die sprachlichen Hürden machten einige Dinge unnötig kompliziert. Trotz dieser Hindernisse blieb Russland als eines der eindrucksvollsten Reiseziele in Erinnerung, gerade weil diese Reise im Jahr 2004 noch ein kleines Abenteuer bedeutete.
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