30 Jahre Offsetdrucker - Ein Beruf den die Welt nicht mehr braucht

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eindlosdruck

Es war das Jahr 1987 - in der Schule gab es die ersten Abgänger nach Klasse 9. Ich hatte noch nicht vor, in der 9. Klasse die Schule zu verlassen, wusste aber, dass ein Jahr später der Schulbetrieb auch für mich erst einmal enden würde. In dieser Zeit gab sich das Lehrinstitut viel Mühe, die berufliche Zukunft der Schüler ein wenig zu steuern. Viele Besuche von Instituten des damaligen Arbeitsamtes waren an der Tagesordnung. Doch irgendwie konnte ich mich für keinen Beruf, der mit meinem Abschluss möglich gewesen wäre, begeistern. Erst kurz vor Abschluss der 10. Klasse legte ich mich fest: Drucker – damals noch ein angesehener Beruf, bei dem noch relativ „gut“ verdient werden konnte (in Anbetracht eines einfachen Lehrberufes). Gibt man heute den Berufsnamen in Google ein, erscheinen auf der ersten Seite u. a. Artikel mit der Überschrift "Zukunftslose Berufe: vom Aussterben bedrohte Jobs". Das ist heute tatsächlich die Wahrheit. 1988 sah das allerdings noch etwas anders aus. Auch wenn schon damals der Bedarf an klassischen Drucksachen zurückging, gab es einige Ausbildungsstätten. Im Braunschweiger Zonenrandgebiet waren diese aber auch schon zu der Zeit rar gesät und es gab einen erheblichen Überschuss an Bewerbern auf nur wenige Stellen. Nachdem ich zwei oder dreimal bei renommierten Druckereien nicht die letzte Runde bei dem Bewerbungsprozess überstanden hatte, stand ich kurz vor Abschluss der 10. Klasse etwas dumm da. Besser gesagt: Ich hatte keine Ausbildungsstelle gefunden. Aus diesem Grunde meldete ich mich schon vorsorglich für ein weiteres Schuljahr an, doch dann passierte das Unerwartete. Von wem ich damals den Tipp bekam, weiß ich gar nicht mehr. Man sagte mir, dass eine kleine Druckerei in Vechelde noch einen Auszubildenden suchte, nachdem sich ein vorheriger Bewerber als farbenblind herausgestellt hatte. Ich wurde vorstellig und bekam in letzter Minute dann die Ausbildungsstelle. Es begannen für mich damit drei Jahre mit Höhen und Tiefen, die für mich aber bis heute lehrreich, unvergessen und in vielen Abschnitten auch sehr schön waren.

Im August 1988 begann dann meine Lehrzeit. Ich startete an einer kleinen amerikanischen Einfarbenmaschine (ABDick) ohne Anlage. Hier wurden vorwiegend Einladungskarten oder Trauerkarten gedruckt. Eine echte Herausforderung, denn oft wanderte das Produkt krumm und schief bedruckt in die Auslage – nicht ohne des anschließenden Zornes des Meisters. Das Arbeiten an einer KORD aus den 1970er-Jahren war etwas einfacher, aber auch mit Tücken versehen. Die hochmoderne Druckausbildungsanstalt war es eben halt nicht. Kurz nach Beginn der Ausbildung kam allerdings eine nagelneue Heidelberger GTO -Einfarben in die Firma. Ich hatte erst später die Ehre, auch mit dieser Maschine arbeiten zu können. Vieles war mit diesem Gerät tatsächlich einfacher. Für spezielle Visitenkarten oder Briefbögen hatte ich sogar auch noch das Vergnügen, mit einem Original Heidelberger Tiegel arbeiten zu können. Prägen, Stanzen und Perforieren. Neben mir war noch der Meister (hin und wieder) und ein weiterer Aushilfsdrucker tätig.

Die Berufsschule war für mich die BBSI am Inselwall in Braunschweig (heute Johannes-Selenka-Schule). Der erste Tag in dieser Institution verdeutlichte mir einmal mehr das schlechte und nicht mehr zeitgemäße Bildungssystem Deutschlands Ende der 1980er-Jahre. Der „Klassenraum“ glich einem Museum. Monströse Druckmaschinen aus den 1950er-Jahren, die selbst noch mein Vater kannte (Ausbildung als Positivretuscheur) prägten das Unterrichtszimmer. Und: Es gab sogar den gleichen Lehrer, wie damals mein Vater in den 1950er-Jahren hatte. Der gute Mann war seines Zeichens stark übergewichtig und brauchte eine gefühlte Ewigkeit, um die vielen Treppen vom unteren Geschoss des ehemaligen Krankenhauses bis ganz nach oben zu schaffen. Damit begann der Unterricht stets verspätet. Bis dann die Anwesenheitsliste bis zum Schluss durchgegangen wurde, waren die eigentlichen Unterrichtsstunden vorbei. Es dauerte nicht lange, da war der nette ältere Berufsschullehrer weg. Offiziell aus „Gesundheitlichen Gründen“. Es gab aber keinen wirklichen Ersatz für die Druckerklasse. Nach vielen Ausfällen und Vertretungen wurde ein neuer „Lehrer“ zugeteilt. Dessen einzige Tätigkeit bestand darin, alle Anwesenden die gesamten Unterrichtsstunden in Bücher lesen zu lassen. Zynische, abwertende und sarkastische Sprüche gab es noch kostenlos obendrauf. Nach diversen nicht nachvollziehbaren Leistungsbewertungen habe ich mich bei meinem Meister beschwert. Solidarisch rief dieser umgehend die Schulleitung an. Ein Telefonat, was ich niemals vergessen werde, denn es wurde ziemlich laut. So hatte ich meinen Meister noch nie erlebt. Er warf der Schulleitung Versagen vor, und als er auch noch herausfand, dass unser derzeitiger „Lehrer“ nur eine Notlösung war und dieser den Beruf des Malers hatte, flippte er völlig aus. Doch erst Ende des 2. Lehrjahres wurde mit Herrn Heitmann ein fachlich qualifizierter Berufsschullehrer eingestellt. Viel zu spät.

Anfang der 1990er wurde ein weiterer Drucker in Vollzeit im Ausbildungsbetrieb eingestellt. Während ich als Auszubildender mit einer 40-Stunden-Woche zu kämpfen hatte, arbeite dieser Mensch nur 37 Stunden, mit weiteren Vorzügen, die ich bisher nicht kannte: Urlaubsgeld oder Weihnachtsgeld zum Beispiel. Bei Rücksprache mit meinen Druckerkollegen in der Berufsschule stellte sich heraus, dass dies dem Tarifvertrag der IG Druck und Papier entsprach. Mit meinen zarten 18 hörte ich zum ersten Mal etwas von einer Gewerkschaft. Ich beantragte die Mitgliedschaft und die Arbeitnehmervertretung kümmerte sich (leider ungefragt, ich hätte gerne zuvor meinen Meister auf die unterschiedliche Behandlung der Angestellten angesprochen) um die Gleichstellung meiner Ausbildungszeit in dem Betrieb. Seitdem hing natürlich der Haussegen schief. Jedoch konnte ich das nicht ganz verstehen. Der Meister war selbst einmal Geselle und hat von den Vorzügen der Vertretung einer Gewerkschaft profitiert. Kaum ist man aber selbstständig, tritt der Geiz ein und alle Arbeitnehmergewerkschaften sind plötzlich die größten Feinde. Nun ja, nach einem Gespräch, wo der Meister mir immer wieder zu verstehen gab, dass er das ja alles nicht tun müsste und es nur seiner Gnaden geschuldet ist, bekam ich die gleichen Rechte, in dessen Genuss auch der kurz zuvor eingestellte Geselle war. Ich galt von jetzt an als aufmüpfig und schwer formbar. Dabei wollte ich nicht mehr als Gleichberechtigung. In der Zwischenprüfung fiel ich durch Farbe mischen. Kein Wunder, denn die Produktivität war im Betrieb immer wichtiger als die Ausbildung und dessen kleinlichen Inhalte. Es wurde nie wirklich verstanden, dass ein Auszubildender auch Arbeit macht bzw. gewisse Abläufe eingehalten werden mussten.

Zwischenzeitlich stabilisierten sich aber auch die Leistungen, sodass ich im Frühjahr 1991 zur Abschlussprüfung zugelassen wurde. Als Prüfer hatte ich einen den anfangs gut gelaunten Herrn Sesing von der Firma Hessdruck. Dessen gute Laune wurde aber schlagartig unterbrochen, als er feststellte, dass mein lieber Meister mir für die Prüfung eine viel zu geringe Bogenanzahl für einen 4-Farbdruck durch eine Einfarbenmaschine aus den 1960er-Jahren bereitstellte. Nach einem Donnerwetter musste mein Meister höchstpersönlich nach Hannover fahren und mehr Papier für die Prüfung besorgen. Das kostetet Zeit. Zu guter Letzt flog bei fortgeschrittener Stunde auch noch ein Bogen auf die Farbwalzen, sodass erst einmal die gesamte Maschine gereinigt werden musste. Der Prüfer war völlig entnervt, bot aber an, dass die Andrucke auch am nächsten Tag in seine Firma zur Kontrolle/Bewertung geliefert werden können. Gott sei Dank. Trotz aller Pleiten, Pech und Pannen bestand ich meine Prüfung. Am 25.06.1991 war die Freisprechung bei der IHK in Braunschweig. Telefonisch informierte ich meinen Meister über das Ergebnis. Am nächsten Tag fuhr ich in die Firma und räumte meinen Spint aus. Daraufhin kam der Lehrherr und fragte, was das solle. Ich sagte, dass ich einen Vorvertrag bei einer Firma in Braunschweig unterschrieben habe und dass ich jetzt das Unternehmen verlasse. Daraufhin stürmte mein Meister in sein Büro und kam mit meinem Ausbildungsvertrag wieder: „Hier, der Ausbildungsvertrag gilt bis 31.07.1991!“. Ich gab den Hinweis, dass er bitte den IHK-Vertrag umdrehen möge, um dort das Kleingedruckte zu lesen. Dort stand: Die Ausbildung gilt als beendet am Tag der Freisprechung. Dumm gelaufen. Hätte er zuvor mal ein Gespräch gesucht, wäre diese etwas bizarre Situation zu verhindern gewesen. Aber noch 3 Monate mit Azubi Gehalt, mit einem Gesellen zu verdienen war dann doch wohl ein zu verlockendes Wunschdenken.

Trotz all den Querelen und Unstimmigkeiten hatte ich in meiner Ausbildung eine gute Zeit. Ich hatte einen guten Meister und einen väterlichen Lehrherrn, den es in der Form so heute wohl nicht mehr gibt. Viele Tipps, Tricks und Belehrungen konnte ich später in meinem Berufsleben und auch Privatleben sinnvoll umsetzen. Ich bin dafür auch in Nachhinein sehr dankbar. Schade, dass er nach meinem Abgang offensichtlich keinen Nerv mehr hatte, einen weiteren Auszubildenden einzustellen. Es wären gute Drucker geworden.

Als Geselle fing ich in einem bekannten Braunschweiger Unternehmen als Offsetdrucker an. Dort tickte die Welt etwas anders. Technisch war das Unternehmen auch Anfang der 1990er-Jahre schon lange abgehängt. Die Maschinen über 25 Jahre alt und oft defekt. Mit den vielen neuen Kollegen musste ich erst mal klarkommen und ich stellte schnell fest, dass sich die meisten eine gewisse Welt zurechtgelegt haben, in der sich nicht gestört werden wollten. Wehe dem es kam jemand, der schneller war als sie, dann wurde man indirekt bedroht, heute würde es man wohl als Mobbing bezeichnen. Irgendwann hatte ich auf die Proletenscheiße einfach keinen Bock mehr, auch wenn ich immer gerne Drucker war und der Beruf mir auch Spaß gemacht hatte. Die Pleite und die finanzielle Abfindung des Unternehmens 1994 waren für mich der Start in eine andere berufliche Welt. Den Beruf des Druckes wird es in der bekannten Form bald nicht mehr geben. Das Tätigkeitsfeld wird sich erweitern und ändern. Hierzu gibt es einen schlüssigen Artikel erschienen in der Ver.di Branchenzeitung 2017.

 

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Hendrik Lorenz

*1970 in Braunschweig.
Technischer Redakteur, Offsetdrucker und professionelles Arschloch.

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