Seminar an der Zonengrenze – oder: Wie ich lernte, einen Bierautomaten zu lieben (Zicherie 1987)

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Deurtschlandpolitisches Seminar 1987

 

Es begann alles mit dem harmlos klingenden Satz: Wir fahren auf ein deutschlandpolitisches Seminar. Ein Pflichtprogramm in den 1980er Jahren für Schüler der 10. Klasse der Hauptschule Vechelde. Was ich damals nicht wusste: Das war weniger ein Seminar, sondern mehr eine Mischung aus Grenzexkursion, ideologischem Dauerbeschuss und unfreiwilligem Abenteuerurlaub im westdeutschen Nirgendwo. Willkommen in Zicherie. Ein Ort, der so abgelegen war, dass selbst die Landkarte kurz überlegte, ob sie ihn wirklich einzeichnen soll. Infrastruktur? Fehlanzeige. Freizeitmöglichkeiten? Nein. Wir wurden dort quasi abgeladen – und ab da war klar: Hier kommt man so schnell nicht weg. Tiefstes Zonenrandgebiet im einen der tristesten Orte im Landkreis Gifhorn. Das Seminarhaus selbst hatte einen ganz eigenen Charme. Irgendwo zwischen Jugendherberge und Bundeswehrkaserne. Alles war durchgetaktet. Vormittags Vorträge, nachmittags Grenze anschauen. Abends Diskussionen über die deutsche Frage. Irgendwo dazwischen versuchte jeder Teilnehmer geistig zu überleben. Und dann diese Grenze gleich nebenan. Stacheldraht, Wachtürme, alles streng bewacht. Uns wurde erklärt, wie schlimm „drüben“ alles ist. Doch ich war der Meinung das dieses Seminar und dieses Dorf Zicherie noch schlimmer als die DDR ist. Freizeitgestaltung war ein besonders spannendes Kapitel. Im Seminarhaus bleiben, noch mehr im Seminarhaus bleiben oder den gleichen Weg dreimal auf und ab laufen und hoffen, dass irgendetwas passiert. Der Versuch, wenigstens ein bisschen „normales Leben“ zu organisieren, scheiterte kläglich. Der örtliche Tante-Emma-Laden hatte offenbar die klare Mission: Jugendliche vor jeglicher Freude zu schützen. Alkohol? Theoretisch erlaubt. Praktisch? „Heute leider nicht.“ Und morgen auch nicht. Und übermorgen auch nicht. Selbst der einheimische Verkäufer stand offensichtlich unter der Knute des Seminarleiters. Doch es gab ein Lichtblick im Jahre 1987 in Zicherie: der Bierautomat in einer Seitenstraße. Voll gefüllt mit Feldschlößchen Dosen 0,3 Liter. Eine Mark pro Trinkspaßeinheit. Ein leuchtender Hoffnungsträger in einer ansonsten ziemlich kontrollierten und depremierenden Welt. Er war mehr als nur ein Automat. Er war ein Symbol für Freiheit und Selbstbestimmung. Kalte Getränke. Bier gezogen und zurück Richtung Seminarhaus. Dort wartete leider schon der Lehrer Gerhard Brandt, auch "Gerti", "Rucksackdeutscher" oder "Mistel" genannt mit einer Taschenkontrolle, schlimmer als an jeder DDR-Grenze. Das war es dann mit dem frisch gezogenem Trinkspaß.

Und als wäre das alles nicht schon schlimm genug gewesen. Zum Programm gehörte natürlich auch ein Tagesausflug in die DDR – nach Stendal. Ein echtes Highlight. Also zumindest laut Seminarplan. Die Einreise war schon ein Erlebnis für sich, aber vor Ort wurde es erst richtig interessant. Kaum angekommen, fiel uns ein Herr auf, der uns mit auffälliger Unauffälligkeit mit einer etwas zu perfekt sitzende Perücke permanent folgte. Er lief uns hinterher. Blieb stehen, wenn wir stehen blieben. Machte sich Notizen. Wenn das kein Mitarbeiter der Staatssicherheit war, dann war er zumindest sehr engagiert im Hobby „Gruppenbeobachtung“. Stendal selbst präsentierte sich einheitlich grau. Graue Straßen, graue Häuser und graue Menschen. Selbst der Himmel hatte sich diesem Konzept an dem Besuchstag angeschlossen. Die Kaufhäuser waren ein weiteres Erlebnis. Große Räume, viele Regale und eine gähnende Leere. Einziger Lichtblick in dieser grauen Stadt war der berühmte Baumkuchen. Doch auch von dieser traditionellen Delikatesse gab es nur zwei Stück. Dann wurde der Laden zugesperrt. Die restliche Reisegruppe ging leer aus. Da der obligatorische Zwangsumtausch nicht in Konsum umgewandelt werden konnte, wurde schließlich improvisiert. Das Geld wurde einem Pfarrer gespendet. Vermutlich die sinnvollste Investition des Tages in der deutschen demokratischen Republik. Ganz ohne Farbe war die Stadt Stendal dennoch nicht. Wie kleine Farbtupfer in einer Schwarz-Weiß-Welt wirkten die vielen knallbunten Trabis im tristen Stendal. Wie fahrende Bonbons im Sozialismus. Sie waren tatsächlich das Lebendigste, was dort zu sehen war. Zurück in Zicherie ging das Seminar wie zuvor weiter: Vorträge, Diskussionen und der stille Blick zum Bierautomaten, der inzwischen eher melancholisch an einer gescheiterten Mission erinnerte.

Fazit: Grauenhaft langweilig. Westindoktrination in Dauerschleife. Ein Jugendherbergsleben, das eher an eine Mischung aus Kaserne, Internat, Gefängnis und Kloster erinnerte. Der Tagesausflug in die DDR war überflüssig, denn das Dorf Zicherie mit seinem Seminarhaus war letztendlich nichts anderes wenn nicht sogar noch schlimmer. Ich träume heute noch nachts von diesem genialen Ausflug und wache anschließend panisch und schweißgebadet auf. 

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