Das erste Mal über den großen Teich. Die Entscheidung fiel allerdings nicht leicht. Der Dollarkurs war im Sommer 1993 alles andere als günstig. Dazu kamen die regelmäßigen Berichte über sogenannte „Dead German Tourists“, deutsche Urlauber, die in Florida bei Überfällen in Mietwagen ums Leben kamen. Ganz beruhigend klang das alles nicht. Trotzdem überwog die Lust auf Sonne, Palmen und das türkisblaue Wasser des Atlantiks. Die Reise wurde über die „Möwe Jugendreisen“ gebucht, deren Angebote damals auch für Teilnehmer bis Mitte zwanzig offenstanden. Der größte Vorteil bestand darin, dass sich um Organisation, Unterkunft und den gesamten Ablauf nicht gekümmert werden musste. Anfang der 1990er Jahre war eine Ferrnreise individuell noch sehr schwierig zu organisieren.Was vorher allerdings niemand verraten hatte: Ein großer Teil der Reisegruppe bestand aus Yuppies und verwöhnten Einzelkindern, deren Eltern offenbar froh waren, den eigenen Nachwuchs für ein paar Wochen vom Hals zu haben. Los ging es am Braunschweiger Hauptbahnhof. Am vereinbarten Treffpunkt warteten bereits die ersten Mitreisenden aus der Region. Mit dem damals erst zwei Jahre zuvor eingeführten ICE ging es Richtung Frankfurter Flughafen. Unterwegs stiegen in Hannover und Göttingen weitere Teilnehmer zu, bis die Reisegruppe schließlich auf rund dreißig Personen angewachsen war. Begleitet wurde die Truppe von zwei Reiseleitern, die hauptberuflich als Polizisten arbeiteten. Das sorgte zumindest für den Eindruck, dass unterwegs nichts schiefgehen konnte. Am Frankfurter Flughafen wartete ein US-amerikanischer Charterflieger. Eine schon etwas in die Jahre gekommene McDonnell Douglas DC-10, deren Pilot aussah, als käme er direkt aus einer Flughafenbar. Das sorgte nicht unbedingt für zusätzliches Vertrauen.
Vor dem Abflug stand die erste intensive Begegnung mit den amerikanischen Sicherheitskontrollen an. Wer hatte den Koffer gepackt? Warum befanden sich so viele arabische Einreisestempel im Reisepass? Ob gefährliche Gegenstände mitgeführt wurden? Die Fragerei nahm gefühlt kein Ende. Im Flugzeug folgte direkt die nächste Kuriosität. Für die Einreise musste ein Formular ausgefüllt werden, auf dem zahlreiche Fragen ausschließlich mit Ja oder Nein beantwortet werden konnten. Manche davon wirkten derart absurd, dass kaum vorstellbar war, jemand würde sie tatsächlich ehrlich ankreuzen. Während des Fluges blieb genügend Zeit, die ersten Mitreisenden kennenzulernen. Die altersschwache DC-10 hatte allerdings schon bessere Tage gesehen. Die Toilettentür im vorderen Bereich war defekt und sprang während des gesamten Fluges immer wieder von selbst auf. Das hatte zur Folge, dass sich der angenehme Geruch von Pisse und Scheiße regelmäßig ungehindert durch die Kabine verteilte. Nach acht Stunden wusste jeder an Bord ziemlich genau, wer gerade auf dem Klo gewesen war.
Nach einem gefühlt endlosen und ziemlich öden Flug war Miami Beach endlich erreicht. Beim Verlassen des Flughafens fühlte es sich an, als würde jemand einen Eimer heißes Wasser über den Körper kippen. Die Luftfeuchtigkeit war derart hoch, dass bereits nach wenigen Sekunden das Hemd am Rücken klebte. Ein klimatisierter Reisebus fuhr uns anschließend zum Howard Johnson Dezerland Hotel in der 87th Street. Ein Hotel, das 2015 abgerissen wurde. Der erste Eindruck des Hotels war durchaus vielversprechend. Das Gebäude versprühte den Charme der 1950er Jahre. In der Lobby stand ein gewaltiger amerikanischer Straßenkreuzer und in Bar im Diner Stil der dahemaligen 1950er Jahre. Eine sehr schöne und gemütliche Lobby. Leider endete der positive Eindruck bereits nach dem Betreten des Zimmers. Die Fassade war deutlich attraktiver als der Rest des Hotels. Abgewohnte Zimmer, ein verkeimter Teppichboden, eine Klimaanlage, die klang nicht wirklich kühlte und einfach nur laut war, und Matratzen, in denen der Körper fast vollständig verschwand. Auf den Fluren standen überall Eiswürfelautomaten. Offenbar hatte sich hier seit den 1970er Jahren kaum noch etwas verändert. Die Zimmer wurden zu dritt oder zu viert belegt. Auf Dauer erwies sich das als ziemlich anstrengend. Privatsphäre existierte praktisch nicht. Dafür entschädigte die Außenanlage. Der Pool der Herberge war hervorragend und der unmittelbar angrenzende Park war auch super. Das eigentliche Highlight lag allerdings direkt hinter dem Hotel. Der breite Sandstrand von Miami Beach mit seinem warmen Atlantikwasser machte viele Schwächen der Unterkunft schnell wieder vergessen.
Gleich am ersten Tag wurde eine Stadtrundfahrt angeboten. Eigentlich viel zu teuer, aber die Neugier war dann doch größer. Gelohnt hatte sich die Tour zumindest unfreiwillig. Der Reiseleiter war derart übergewichtig, dass er schon beim Einsteigen in den Bus kaum mit seinem Arsch durch die Tür passte. So viel Lebendgewicht auf einem einzigen Menschen verteilt, bekommt selbst in den USA nicht jeden Tag zu sehen. Im perfekten Deutsch erklärte er, dass in den USA viele Menschen so aussähen wie er und sich niemand vom äußeren Glanz Miamis täuschen lassen sollte. Ein großer Teil des scheinbaren Wohlstands sei schlicht auf Pump finanziert. Die Rundfahrt führte durch das berühmte Art-déco-Viertel von Miami Beach, nach Coral Gables und vorbei am Anwesen des Miami Vice-Schauspielers Philip Michael Thomas. Letzteres sorgte bei einigen Mitreisenden für Begeisterung. Andere fragten sich „was interessiert mich das Anwesen eines abgehalfterten Serienhelden?“ Schwärmerei und Kopfschütteln im Einklang. Nach mehreren letztendlich völlig überflüssigen Stunden im Bus, bestand eigentlich nur noch der Wunsch, endlich an den traumhaften Strand von Miami Beach zu gehen. Genau das schien allerdings nicht im Sinne der Reiseleitung zu sein. Unterm Strich war die Stadtrundfahrt vor allem eines: überteuert, langweilig und vollkommene Zeitverschwendung. Seitens der Möwe Jugendreisen wurde gefühlt täglich versucht, weitere überteuerte Ausflüge zu verkaufen. Disney World, Orlando oder irgendwelche anderen Touristenattraktionen standen permanent auf dem Programm. Der subtile Gruppenzwang war kaum zu übersehen. Zeitweise entstand durchaus der Eindruck, als würde der Verkauf der Ausflüge nicht ganz uneigennützig erfolgen. Mit 23 Jahren war niemand mehr nötig, der einem den Tagesablauf bestimmte. Das kam bei der Reiseleitung erwartungsgemäß nicht besonders gut an. Meine Person hatte schnell den Ruf eines Nörglers und Querulanten. Während der Großteil der Reisegruppe stundenlang durch Florida gekarrt wurde, gehörten Strand, Pool mir ganz alleine.
Da das Hotel ohne Verpflegung gebucht worden war, musste sich jeder selbst um sein Essen kümmern. Zum Glück waren Fast-Food-Ketten damals deutlich günstiger als in Deutschland. Wendy‘s und McDonald‘s entwickelten sich deshalb schnell zu den wichtigsten Nahrungsquellen der folgenden drei Wochen. Ob diese einseitige Ernährung der Grund für den permanenten Dünnschiss war, ließ sich zwar nicht eindeutig klären. Auszuschließen war es allerdings nicht. Miami Beach bot unzählige Restaurants, daneben aber mindestens genauso viele Geschäfte, die Touristen mit vermeintlichen Schnäppchen aus der Unterhaltungselektronik lockten. Fernseher, Camcorder oder Hi-Fi-Anlagen waren deutlich günstiger als in Deutschland. Heute würde vieles davon vermutlich nur noch als Elektroschrott gelten. Viele Läden und Restaurants befanden sich in den Händen kubanischer Einwanderer. Mit ein paar Brocken Spanisch war häufig mehr anzufangen als mit perfektem Englisch.
Der öffentliche Nahverkehr bestand überwiegend aus Bussen. Eine Fahrt kostete einen Dollar, der beim Einsteigen in einen Automaten geworfen wurde. Anschließend öffnete sich die Sperre zum Fahrgastraum. Einmal fehlte allerdings der passende Dollarschein. Der Busfahrer winkte trotzdem freundlich durch. In Deutschland wäre die Fahrt an dieser Stelle vermutlich beendet gewesen. Dass Amerikaner Service deutlich großzügiger auslegen als Deutsche, zeigte sich bei einem Restaurantbesuch. Vor einem italienischen Restaurant standen mehrere Stretchlimousinen. Aus einer Laune heraus entstand die Frage, ob der Besitzer die Fahrzeuge auch zum Hotel schicken würde, wenn zehn Gäste zum Essen kämen. Seine Antwort war ein schlichtes „Ja“. Ein kurzer Anruf genügte tatsächlich. Wenig später standen mehrere Stretchlimousinen mit Fahrern vor dem Hotel und holten die gesamte Gruppe zum Abendessen ab. Ein Service, der Anfang der 1990er Jahre in Deutschland kaum vorstellbar gewesen wäre.
Rund um das Hotel gab es allerdings kaum Möglichkeiten, günstig einzukaufen. Der nächste Supermarkt lag mehr als zwei Kilometer entfernt. Eigentlich kein Problem. Wären da nicht die typisch floridianischen Regengüsse gewesen, die oft völlig überraschend vom Himmel fielen. Nach einem Großeinkauf mit mehreren 24er-Packs Budweiser gerieten wir auf dem Rückweg zum Hotel in ein heftiges Gewitter. Innerhalb weniger Minuten waren die Kartons komplett aufgeweicht und drohten auseinanderzufallen. Keine besonders angenehme Situation, denn Alkohol in der Öffentlichkeit war auch damals verboten. Ein Wachmann eines benachbarten Hotels erkannte das Problem und half völlig unkompliziert. Eine Hilfsbereitschaft, die durchaus überraschte. Das Klima von Miami Beach dürfte nicht jedermanns Sache sein. Hohe Luftfeuchtigkeit und der ständige Wechsel zwischen Sonne und kurzen, heftigen Regenschauern. Nach zwei Wochen am Strand folgten dann doch noch zwei Ausflüge. Einer führte nach Jungle Island mit seinen Tier- und Vogelschauen, der andere in den Everglades National Park. Beide Touren gehörten rückblickend zu den Höhepunkten der Reise. Nach drei Wochen hieß es schließlich Abschied nehmen. Der Koffer war randvoll mit Levi‘s-Jeans und anderen günstigen Einkäufen. Im Gepäck befanden sich allerdings vor allem unvergessliche Erinnerungen.
Rückblickend war Miami Beach 1993 eine super Reise. Trotz einer eher unfreiwillig zusammengestellten Reisegruppe überwogen die positiven Eindrücke deutlich. Weniger Begeisterung löste die ständige Bevormundung durch die Reiseleitung aus. Das entpuppte sich schon in den ersten Tagen als ausgesprochen lästig. Insgesamt wirkte das Angebot der Möwe Jugendreisen deutlich überteuert. Die Zielgruppe schien vor allem aus Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu bestehen, deren Eltern die Kosten problemlos tragen konnten. Der Veranstalter hatte diese Marktlücke offensichtlich erkannt und konsequent genutzt.
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